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Ringvorlesung SS 2012

 

“Wir brauchen keinen Kanon, wir brauchen Kanonen!”

Es ist nahezu unmöglich, an einer deutschen Universität das Feld der Medienkulturwissenschaft zu beschreiten ohne auf dem Weg Marshall McLuhan und Walter Benjamin zu treffen oder die Gebäude der Kulturindustrie und der Cultural Studies zu besichtigen. Ohne kanonische Texte, die ‚Klassiker’ der Medientheorie und ein Basiswissen Medien (Hartmut Winkler) wird die Erforschung der Medien beliebig. „Klassiker sind Klassiker, weil sie Klassiker sind“, bemerkte Niklas Luhmann etwa im Hinblick auf Theorien der Soziologie, zu dessen Klassikern er heute selbst gehört. Dieses Moment der Selbstreferentialität macht allerdings Kombinationen und Amalgamierungen von Theorien notwendig, um die eigentliche Gestalt der Klassiker wiederzugewinnen. Ein Kanon an klassischen Texten scheint so zum einen notwendig, zum anderen ein äußerst fragiles Gebilde zu sein, das im permanenten Wandel begriffen ist.

Und über das wir in der Ringvorlesung von Doktoranden für Studierende diskutieren und streiten werden: Was ist ein Kanon und wenn ja, wie viele? Wer entscheidet über Exklusion und Inklusion von Autoritäten, denen zu huldigen ist? Ist es sinnvoll, einer Wissenschaft, die sich angesichts rasender technischer Entwicklungen eines mehr dynamischen denn verbindlichen Grundbegriffes rühmt, gerade einen mehr verbindlichen denn dynamischen Textpool zugrunde zu legen? Es scheint, als müsse sich ein Fundament der Medientheorie in einen ständigen Kreislauf des Entrümpelns und der Neugruppierung einpassen. Mitunter braucht es dabei Kanonen, um eingestaubte Gedankengebäude zum Einsturz zu bringen!

Klassiker reloaded – in der dritten Doktoranden-Ringvorlesung lesen Promovierende die Klassiker der Medientheorie neu, denken über sie hinaus und diskutieren in ihren Vorträgen sowie mit den Teilnehmern der Veranstaltung über den Sinn und Unsinn des Studierens klassischer Texte, Theorien und Theoretiker: Welchen Beitrag leisten sie und welchen nicht? Was muss als „veraltet“ oder „überholt“ zurückgewiesen werden? Wann ist ein Kanon sinnvoll? Wie haben Klassiker und Kanon sich durch fortsetzendes Wiederentdecken verändert? Welche „vergessenen“ Klassiker lohnt es neu zu entdecken? Und welche Gebäude müssen mit Kanonen zum Einsturz gebracht werden?

 

Vorlesungsplan im Sommersemester 2012:

Montags von 19:30 bis 21:00 im Hörsaal XXV (Gutenberg-Hörsaal), WiSo-Hochhaus, Universität zu Köln (Organisation: Carola Hilbrand/Stefan Udelhofen)

  • 02.04.2012 Konstituierende Sitzung
  • 30.04.2012 Natur – Kultur – Latour. Mensch – Ding – Medium (Lisa Wolfson)
  • 04.06.2012 “Es gibt keine Software” – oder doch? Zur (medien)wissenschaftlichen Beobachtung von Computer und Internet (Stefan Udelhofen)
  • 18.06.2012 Don’t stop believin’. Glee im Spannungsfeld von Kulturindustrie und Cultural Studies (Johannes Stier)
  • 25.06.2012 Der Agency-Begriff im konkreten TV-Serien-Alltag. Handlungsmächtige Agenten oder Kreative in Laboranordnung? (Pamela Wershofen)
  • 09.07.2012 Kultur ohne Kanon? (Hannah Neumann) / Abschlussdiskussion